Wenn der Alltag in der Kita brennt: Wertebasiert handeln zwischen Personalmangel, Druck und Verantwortung

Liebe Leserinnen und Leser, wer in einer Kindertagesstätte arbeitet, trägt jeden Tag etwas, das man nicht in Dienstplänen messen kann: Verantwortung für Beziehung, Sicherheit, Entwicklung und Bildung. Und gleichzeitig erleben viele Teams, dass genau das immer schwerer wird – weil Rahmenbedingungen fehlen, die gute Pädagogik überhaupt ermöglichen.

In Deutschland wird der Fachkräftemangel aktuell auf rund 125.000 fehlende Fachkräfte geschätzt.  Das ist nicht nur eine Zahl. Das sind spürbare Folgen: zu wenig Zeit, mehr Ausfälle, mehr Konflikte, weniger Verlässlichkeit.

Im Osnabrücker Land zeigt sich das sehr konkret: Die Stadt Osnabrück berichtet, dass zeitweise etwa 10 % der Stellen in städtischen Kitas unbesetzt waren und deshalb eine Gesamtstrategie gegen den Fachkräftemangel gestartet wurde.  Und weil offene Stellen und Vertretungen nicht schnell genug besetzt werden konnten, wurden Betreuungszeiten für das Kitajahr 2023/24 strukturell angepasst (Kernzeiten, Randzeitengruppen), um überhaupt Verlässlichkeit zu schaffen.  

Als Coach für wertebasiertes Handeln schaue ich auf zwei Ebenen gleichzeitig:

  1. Was passiert strukturell?
  2. Wie können Menschen mitten darin so handeln, dass sie sich selbst treu bleiben – ohne sich aufzureiben?

1) Die Lage: Warum so viele Fachkräfte am Limit arbeiten

Personalmangel ist nicht nur „zu wenig Personal“ – sondern ein Multiplikator

Wenn in Teams Stellen fehlen, entsteht ein Dominoeffekt: Vertretungen werden zur Dauerlösung, Pausen werden wackelig, Vor- und Nachbereitung schrumpft. Genau das macht Arbeit nicht nur anstrengend, sondern auch moralisch belastend: Du weißt, wie gute Arbeit aussehen müsste – aber du kannst sie nicht zuverlässig leisten.

Der Paritätische zeigt im Kita-Bericht 2024 auch eine Systemfolge: Von rund 4,4 Mio. genehmigten Plätzen werden nur etwa 3,9 Mio. genutzt – jeder zehnte genehmigte Platz bleibt ungenutzt, u. a. wegen Personalmangel.  

Fehlzeiten sind ein Warnsignal – kein „persönliches Versagen“

Die Bertelsmann Stiftung hat für 2023 ausgewertet: Beschäftigte in Kinderbetreuung/-erziehung waren im Schnitt knapp 30 Tage arbeitsunfähig (im Durchschnitt aller Berufe rund 20).  

Für Niedersachsen weist die Tabelle im Bericht 31,2 AU-Tage aus.  

Das ist nicht „Empfindlichkeit“ – das ist ein System, das seiner Bestimmung nicht mehr nachkommen kann und gesundheitlich teuer wird.

Qualität hängt an Schlüssel und Zeit – und beides ist knapp

Als Qualitätsstandard nennt das Ländermonitoring der Bertelsmann Stiftung häufig die Empfehlung:

  • U3: 1 Fachkraft zu 3 Kindern
  • Ü3: 1 Fachkraft zu 7,5 Kindern  

Für Niedersachsen berichtet der Länderreport (2023) u. a.: In Kindergartengruppen (Ü3) liegt der Personalschlüssel häufig bei 1:7,6 – nah an der Empfehlung, aber eben „rechnerisch“, nicht als echte Zeit am Kind.  

Und parallel fehlen (je nach Bedarfsschätzung) Plätze und Fachkräfte: Für Niedersachsen wurden in einer Pressemitteilung der Bertelsmann Stiftung (2022) für 2023 bis zu 45.500 fehlende Plätze sowie ein zusätzlicher Bedarf von 12.000 Fachkräften genannt.  


2) Was Wertearbeit in der Kita wirklich bedeutet (und was nicht)

Wertebasiertes Handeln heißt nicht: „Du musst nur resilienter werden.“

Wertebasiertes Handeln heißt: Du triffst Entscheidungen so, dass sie mit deinen wichtigsten Prinzipien übereinstimmen – auch unter Druck. Und du setzt Grenzen dort, wo das System deine Werte permanent verletzt.

In Kitas sind Werte oft sehr klar:

  • Kinderschutz & Würde
  • Beziehung vor Programm
  • Verlässlichkeit
  • Gerechtigkeit
  • Team-Solidarität
  • Professionalität (inkl. Reflexion, Dokumentation, Elternarbeit)

Das Problem entsteht, wenn du jeden Tag Prioritäten setzen musst – und dabei regelmäßig das Gefühl hast: „Ich verrate das, wofür ich eigentlich da bin.“

Genau da ist Wertearbeit ein Kompass.


3) Drei typische Werte-Konflikte im Kita-Alltag (und wie du sie navigierst)

Konflikt A: „Kindzentriert“ vs. „Betriebsfähig“

Wenn Personal fehlt, wird „Betriebsfähigkeit“ zur Überlebenslogik: Hauptsache offen, Hauptsache sicher. In Osnabrück wurde deshalb strukturell umgestellt (Kernzeiten/Randzeiten), um Verlässlichkeit zu schaffen.  

Wertebasierte Frage: Was ist heute die kleinste Einheit von „kindzentriert“, die realistisch geht?

Manchmal ist das nicht das Projektangebot, sondern: ein ruhiger Übergang, ein echtes Zuhören, ein sauberer Schutzrahmen.

Konflikt B: „Für alle da“ vs. „Eigene Gesundheit“

Hohe AU-Tage zeigen: Viele zahlen den Preis mit Körper und Psyche.  

Wertebasierte Frage: Welche Grenze schützt meine Berufsfähigkeit?

Das ist kein Egoismus, sondern Nachhaltigkeit: Kinder brauchen Fachkräfte, die bleiben können.

Konflikt C: „Harmonie im Team“ vs. „Missstände benennen“

Wenn Druck steigt, steigt auch die Gefahr von verletzendem Verhalten, Konflikten und Übergriffen – und Studien betonen Zusammenhänge zwischen Arbeitsbedingungen und Gewalt-/Konfliktdynamiken in Einrichtungen.  

Wertebasierte Frage: Wie spreche ich Schwieriges so an, dass Würde und Klarheit gleichzeitig da sind?


4) Konkrete Praxis: Wertebasiertes Handeln in 10 Minuten am Tag

Hier sind kleine Interventionen, die im Kita-Alltag realistisch sind – und trotzdem Wirkung haben.

1) Der 60-Sekunden-Werte-Check-in (vor der Gruppentür)

Frag dich (innerlich):

  • Was ist heute mein Leuchtturm-Wert? (z. B. Sicherheit, Beziehung, Ruhe, Klarheit)
  • Woran merke ich in 2 Stunden, dass ich ihn gelebt habe? (ein beobachtbares Mini-Verhalten)

Beispiel: Wert „Beziehung“ → „Ich begrüße jedes Kind mit Blickkontakt und Namen, auch wenn es kurz ist.“

2) Die „Stop-Start-Weiter“-Mini-Routine im Team (3 Minuten)

Einmal am Tag oder in einer kurzen Übergabe:

  • Stop: Was lassen wir heute bewusst weg, um nicht zu kippen?
  • Start: Was ist ein kleiner Schritt, der uns entlastet?
  • Weiter: Was hat trotz allem gut funktioniert?

Das stärkt Handlungsmacht – statt nur Erschöpfung zu verwalten.

3) Der Grenzen-Satz, der schützt

Wertebasiert Grenzen setzen heißt: freundlich + klar + begründet.

Beispiele:

  • „Ich kann heute keine zusätzliche Aufgabe übernehmen, damit die Gruppe sicher bleibt.“
  • „Ich übernehme X, aber dafür kann ich Y heute nicht leisten.“
  • „Wir dokumentieren den Engpass – damit sichtbar bleibt, was strukturell fehlt.“

5) Wertearbeit endet nicht beim Individuum: Was Teams, Träger und Politik brauchen

Wertebasierte Pädagogik braucht Strukturen. Sonst wird sie zur Heldenerzählung – und die brennt Menschen aus.

Auf Teamebene

  • feste Pausen- und Vertretungslogik (wenn Pausen „optional“ sind, wird’s gefährlich)
  • Supervision/kollegiale Beratung als Standard, nicht als Luxus
  • klare Absprachen: Was ist bei Unterbesetzung Minimum Standard (Schutz, Aufsicht, Übergänge) – und was wird bewusst reduziert?

Auf Träger-/Leitungsebene

  • realistische Personaleinsatzplanung (Ausfälle sind normal, nicht Ausnahme)
  • Zeitfenster für mittelbare Arbeit (Elternarbeit, Doku, Fallbesprechung)
  • gute Einarbeitung und Qualifizierung – statt „Lückenfüllen um jeden Preis“

Auf Systemebene

  • verlässliche Finanzierung und einheitliche Qualitätsstandards (z. B. Personalschlüssel-Empfehlungen 1:3 / 1:7,5)  
  • ernsthafte Fachkräftegewinnung (Ausbildung, Anerkennung, bessere Bedingungen)
  • kommunale Strategien (wie in Osnabrück begonnen) – aber flankiert durch Land/Bund  

6) Zum Schluss: Ein Satz, den viele Fachkräfte hören sollten

Du bist nicht erschöpft, weil du „zu wenig kannst“. Du bist erschöpft, weil du zu lange zu viel tragen musst.

Wertebasiertes Handeln bedeutet dann:

  • dich an das zu erinnern, wofür du angetreten bist,
  • im Kleinen wirksam zu bleiben,
  • und gleichzeitig im Großen nicht zu akzeptieren, dass Überlastung zur Normalität wird.

Die Fachkräfte in unseren Kitas leisten eine ungemein wichtige und wertvolle Arbeit, die leider viel zu wenig Wertschätzung und Würdigung erfährt. Hier werden die Fachkräfte von morgen, potentielle Steuerzahler, etc. betreut und herangezogen. Die Erfahrungen, die unsere Kinder im Kitaalltag machen, tragen sie mit in ihr zukünftiges Leben und werden davon geprägt. Und ich glaube wir sind uns einig darüber, dass dieses nicht von permanenten Verbindungsabbrüchen (Personalausfall) und dem Verwalten des … Kinder lernen u.a. am Modell und wenn wir ihnen nur Oberflächlichkeit und Hektik vorleben, dann können wir auch zukünftig nichts anderes erwarten.

Herzliche Grüße Christian Lindner

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